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Unsere Unterweisung
hat das Ideal des Redners zum Ziel: Der ideale Redner kann nur ein sittlich
hochstehender Mann sein. Und deshalb verlangen wir auch, dass er nicht
nur eine außerordentliche Redegabe, sondern auch alle charakterlichen
Vorzüge besitzt. Ich möchte nämlich nicht das Zugeständnis
machen, dass die Ethik, wie gewisse Leute meinten, dem Fachbereich Philosophie
zuzuweisen sei; denn der echte Politiker, der tatkräftige Vertreter
öffentlicher und privater Interessen, der die Fähigkeit hat,
Staaten durch seinen Rat zu lenken, durch Gesetze zu begründen und
durch sein Urteil zu verbessern, kann in der Tat nur der Redner sein.
So gebe ich zwar zu, dass ich auf manche Themen philosophischer Abhandlungen
zurückgreifen werde; dennoch möchte ich an der Behauptung festhalten,
dass dieser Problemkreis mit Fug und Recht zu unserer Aufgabe gehört
und spezifisch in den Fachbereich Rhetorik fällt. Sehr häufig
kommt es nämlich vor, dass eine Erörterung von Gerechtigkeit,
Tapferkeit, Mäßigkeit und ähnlichen Tugenden nötig
ist; ja, man kann kaum einen Gerichtsprozess finden, in dem nicht eine
Frage aus diesem Themenbereich zur Sprache käme; all diese Darlegungen
müssen mit Erfindungskraft und rednerischer Ausdrucksfähigkeit
verbunden werden. Will man da noch Zweifel haben, dass bei einer erforderlichen
Verbindung von Geisteskraft und Sprachgewalt immer der Redner eine besondere
Rolle spielt?
Cicero kommt ganz klar zu dem Schluss, dass beide Fähigkeiten einst,
ihrer natürlichen Verbindung entsprechend, auch als Beruf eine Einheit
darstellten; so galten dieselben Persönlichkeiten für Weise
und gute Redner. Später teilte sich die Interessensrichtung, und
Trägheit war die Ursache davon, dass es den Anschein bekam, es handle
sich dabei um mehrere Wissenschaften. Denn in dem Augenblick, wo Redefähigkeit
als Erwerbsquelle zu dienen anfing und ein Missbrauch der Errungenschaften
in der Redekunst aufkam, gaben die vermeintlich guten Redner ihr Interesse
für die Ethik auf. Dieses Gebiet wurde aber in seiner Unbesetztheit
gleichsam zur Beute schwächerer Geister. Infolgedessen verachteten
gewisse Leute die Bemühung um den guten sprachlichen Ausdruck und
beschränkten sich auf die innere Bildung und auf die Aufstellung
von Lebensregeln; damit behielten sie zwar den wichtigeren Teil für
sich, unter der Voraussetzung allerdings, dass eine Teilung überhaupt
möglich wäre; dennoch ist der Name, den sie für sich in
Anspruch nahmen, voller Anmaßung; sie allein wollten nämlich
"der Weisheit Beflissene" (d.i. "Philosophen") heißen.
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