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Fabulierende Geschichten, bei denen schon ihr Begriff eine Fiktion (1)
anzeigt, hat man erfunden, teils um bloß den Ohren Vergnügen
zu bereiten, teils auch zur Ermahnung um eines guten Zweckes willen. Es
schmeicheln dem Ohr Komödien, wie sie Menander und seine Nachfolger
zur Aufführung gebracht haben, oder Romane voll von erdichteten Liebesabenteuern,
eine Gattung, in der sich Petronius (Arbiter) vielfach geübt hat
und mit der zu meiner Verwunderung auch Apuleius gelegentlich gespielt
hat. Die Philosophie verweist die ganze Gattung solcher Geschichten hinaus
aus ihrem Heiligtum in das Nest der Ammen.
Bei den Geschichten jedoch, die den Leser irgendwie zu einer Vorstellung
von Tugend anleiten, trifft man eine weitere Unterscheidung. Denn entweder
wird die Handlung mit abstoßenden Stoffen und solchen, die dem Wesen
der Götter unwürdig sind, gestaltet, wie etwa mit Ehebruch von
Göttern, oder es wird die Kenntnis heiliger Dinge unter dem Deckmantel
literarischer Erfindung vermittelt; das Letztere ist die einzige Art von
Dichtung, wie sie die Behutsamkeit eines Philosophen zulässt, der
sich mit der Thematik des Göttlichen beschäftigt.
Man muss indes wissen, dass die Philosophen selbst die erlaubten Geschichten
nicht bei jeder wissenschaftlichen Erörterung zulassen. Sondern sie
machen gewöhnlich von ihnen Gebrauch, wenn sie über die Seele,
über die Mächte im Äther oder über die sonstigen Gottheiten
sprechen. Ansonsten, wenn die Abhandlung sich zur höchsten und ersten
aller Gottheiten zu erheben wagt, welche die Griechen das Gute nennen,
oder zum Geist, der die Urbilder der Dinge in sich birgt, befassen sie
sich überhaupt nicht mit Erdichtetem. Vielmehr, wenn sie eine Aussage
über solche Themen versuchen, die nicht nur die menschliche Sprache,
sondern auch das menschliche Denken übersteigen, nehmen sie ihre
Zuflucht bei Gleichnissen und Beispielen. So hat Platon, als er sich entschloss,
über das Gute zu sprechen, es nicht gewagt, zu sagen, was das Wesen
des Guten sei, da er ja nur das eine wusste, dass das Wissen um die Beschaffenheit
des Guten für den Menschen unmöglich sei. Er hat lediglich von
größter Ähnlichkeit mit dem Guten im Bereich des Sichtbaren
die Sonne befunden und im Vergleich mit ihr hat er seiner Sprache einen
Weg geöffnet, um sich zum Unfassbaren zu erheben.
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